2011 hatte Madam Grace, die Schulleiterin der Bbaala Primary School, den Wunsch nach Nähmaschinen geäußert, um vor allen Dingen den Schülerinnen und Schülern, die nach den 7 Grundschuljahren keine Möglichkeit zum Besuch einer Secondary School haben, wenigstens Grundkenntnisse im Nähen vermitteln zu können. So wurden mit Projektmitteln vier Nähmaschinen für die Schule angeschafft, und Cornelia Schöneich, Lehrerin an einer Hauptschule in Wuppertal, stellte sich in den Sommerferien 2012 der Herausforderung, einen Nähkurs in Uganda zu leiten.
Hier ist ihr Bericht:

eine echte Herausforderung

Schon der Einkauf für das Nähprojekt ist afrikanisch: Ich erhalte zwar aus Uganda eine Liste der Dinge, die benötigt werden, habe aber überhaupt keine Ahnung wie die vier Nähmaschinen aussehen, die extra für das Projekt angeschafft wurden. So reise ich dann ohne Spulen und Nähmaschinennadeln mit einem Koffer voll Nähgarn, Reißverschlüssen, Nähnadeln, Scheren, Knöpfen usw. und wenig Platz für meine eigenen Sachen am 16.7.2012 in Düsseldorf ab. Mit dabei ist auch ein Spiegel-Artikel über die Mode-Designerin Sylvia Owori aus Kampala, die dort ein florierendes Geschäft besitzt und eigene Näherinnen einstellt. Wir hängen ihn als Motivation in unserer Nähstube in der Bbaala-Primary-School auf.

Betty und Silvia meine beiden afrikanischen Mitstreiterinnen sind ausgebildete Näherinnen und kennen sich zum Glück super mit den Maschinen aus. Diese entpuppen sich als angebliche Singermaschinen, wirken aber wie chinesische Plagiate und sind notdürftig zusammengeschustert, was aber hier niemandem besonders auffällt. Entsprechend miserabel sind auch die ersten Nähergebnisse. Die Tretmechanik funktioniert nicht, der Keilriemen springt jede Minute ab. Alles keine riesigen Probleme für gekonnte Näherinnen, aber für Anfänger, wie unsere Kinder es sind, ist es eine Katastrophe.

Die Maschinen sind zusammen mit Bettys eigener Nähmaschine in einem winzigen Raum vor den Schlafräumen der Mädchen aufgestellt. Zunächst hat die Schulleitung Mdm Grace geplant, dass wir immer abwechselnd 8 SchülerInnen der Klassen Primary 5 zum Nähen holen – insgesamt 42 Kinder!

Am Montag gehen wir in die Schule und stellen fest, dass die Nähmaschinen immer noch nicht einsatzfähig sind. Die Keilriemen binden wir mangels eines passenden Drahtes mit Stücken aus Sicherheitsnadeln zusammen, die wir zurecht biegen. Trotzdem klemmt es an allen Ecken und Enden. Silvia, die sehr clever ist und gut Englisch versteht, Betty, die super lustig ist, und ich kooperieren trotz aller Probleme gut. Erst heißt es, es kommen 42 Kinder, dann sollen es 14 sein. Wir einigen uns darauf, zunächst im Klassenraum zu bleiben und die englischen Begriffe zu klären, die man fürs Nähen braucht. So sitzen jetzt tatsächlich 42 neugierige SchülerInnen vor mir – eine völlig ungewohnte Situation.

Nach der Begriffsklärung an der Tafel können sie (zu meiner Überraschung) alle die Nähmaschine abzeichnen und mit den Fachwörtern beschriften. Anschließend üben immer 4 Kinder an den Maschinen das Treten. Immer wieder springen die Riemen ab oder der ganze Tretmechanismus muss repariert werden. Noah aus dem Projekt ist uns eine große Hilfe. Nur 12 Kinder haben am Ende der 2 Stunden die Maschinen ausprobiert und ich beginne zu begreifen, wie schwierig es für sie ist, die Maschinen überhaupt erst einmal in Gang zu setzen. Wir sind alle ziemlich geschafft und auch ein bisschen frustriert – die Kinder sind dagegen trotz aller Widrigkeiten sehr begeistert.

Ich erreiche bei Mdm Grace, dass in den nächsten Tagen nur 8 Kinder zum Nähen kommen und hoffe, dass sie sich auch morgen noch an ihr Versprechen erinnert.

Tatsächlich kommen am nächsten Tag nur diese 8 Kinder, die sich wieder mit Begeisterung an die Maschinen setzen. Ich lerne einen wunderbaren Trick: Wenn die Maschine nicht richtig spult, steckt man die Spule auf eine Kugelschreibermine und hält diese an das Schwungrad und spult den Faden so auf. Ich bin begeistert von diesem Erfindungsreichtum! Ich hoffe nur, dass die Kinder unter diesem Umständen auch etwas Eigenes nähen können.

Mittwochs gehen meine beiden Näherinnen und ich in Masaka Stoff kaufen: afrikanische Muster auf Baumwollstoff, der sich leider doch als synthetisch entpuppt. Die Mädchen aus dem Nähkurs sind auch am dritten Tag bewundernswert eifrig und geduldig mit den Nähmaschinen, von denen letztendlich nur eine einzige zufriedenstellend funktionniert. Sie sind trotzdem begeistert bei der Sache und versuchen es immer wieder. Warum sind meine SchülerInnen in Deutschland nur so anders?

Am Donnerstag nähen wir morgens und nachmittags und die Maschinen entpuppen sich immer mehr als Flop. Leider hat sich Silvia auch noch vorgenommen, die Kinder Röcke mit Abnähern und Reißverschlüssen nähen zu lassen – die hohe Kunst des Nähens. Und so nähen die Mädchen jetzt alles mit der Hand. Sie nähen geduldig und klaglos. Wir überlegen mit Goretti, die Maschinen zu einem Mechaniker in Reparatur zu geben.

Das geht erstaumlich schnell – schon montags geht es mit reparierten Maschinen weiter, die ohne Faden auch richtig gut laufen. Diesmal kommen 16 Kinder – auch Jungen - in den kleinen Raum mit den Nähmaschinen, in dem man sich jetzt aber nicht mehr bewegen kann. Das scheint aber außer Lena, eine junge Frau aus der Nähe von Stuttgart, und mich niemand zu stören. Leider ist jedoch der einzige fertige Rock von Silvia zugeschnitten und von mir genäht worden. Aber wir sind ja in Afrika. Niemand scheint Wert darauf zu legen, dass die Kinder ihren eigenen Rock alleine nähen. Alle nähen irgendwie und an irgendetwas herum. Diese Herangehensweise ist nicht meine, aber ich finde sie beeindruckend.

Am Dienstag muss ich mit Lena den Unterricht alleine gestalten. Betty lässt sich aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht blicken und Silvia kommt erst viel später – auch aus unklaren Gründen. Ich nutze die Zeit, um Silvias hochgesteckte Ziele mit den Abnäher-Röcken zu unterwandern. Ich lasse einen Rock mit Tunnel und Gummilitze nähen und einfache Beutel mit Kordeldurchzug. Und es funktionniert. Die Kinder wollen alle einen Beutel nähen. So gelingt es uns vielleicht doch noch, dass am Ende dieser Woche vor Ferienbeginn alle etwas Selbstgenähtes vorzeigen können.

Ab Mittwoch nähen die Kinder nur noch mit der Hand, weil die Maschinen sich wieder verweigern, sobald ein Faden eingelegt ist. Wie gut, dass Lena mal Maschinenbau studieren will! Betty muss mir heute zeigen, dass sie die bessere Näherin ist und lässt Veronica einen Reißverschluss wieder komplett heraustrennen, den ich schon für gut befunden habe. Zum Glück ist Veronica die geborene Näherin und näht geduldig alles wieder neu ein. Aber die Sache mit den Beuteln haben Betty und Silvia “geschluckt”. Und so nähen wir weiter fleißig Schulbeutel. Bernard hat den Rock mit dem Gummizug fertiggenäht, den Betty sogar freiwillig anprobiert und einen “Catwalk”-Schritt ausprobiert.

In den nächsten Tagen bekomme ich den Eindruck, dass unsere Arbeit in der Schule inzwischen sehr geschätzt wird. Es sind einige Röcke und Taschen fertig und jeder will mit seinem Produkt fotografiert werden. Die Kinder kommen jetzt auch freiwillig in ihren Schulferien. Wir beschließen kleine Täschchen zu nähen, die mit Schaumstoff gefüttert werden sollen. Goretti hat in Masaka das Material bestellt, das dann mit dem Bodaboda (Mopedtaxi) geliefert wird. Leider kommt kein Stück Schaumstoff sondern viele Schulterpolster aus Schaumstoff. Der Bodaboda-Fahrer weigert sich, die Sachen wieder zurück zu nehmen und wir kreieren eine Tasche aus zwei aneinander genähten Schulterpolstern, die wir dann mit Stoff beziehen. Die Näherinnen sind sehr begeistert und wir träumen von einer Großproduktion, die wir in Kampala und Deutschland verkaufen können.

An meinem letzten Schultag nähen alle eifrig weiter an den Schulterpolster-Täschchen, die mit den mitgebrachten Pailletten verziert werden. Die Kinder bringen mir Avocados, ein riesiges Zuckerrohr und geflochtene Schalen als Geschenke mit und eine echte Uganda-Puppe aus Bananenblättern. Ich bin sehr gerührt und hoffe, dass das Projekt von den beiden Näherinnen weiter geführt werden kann.


Cornelia Schöneich





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